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Das Licht der Liebe
Stefan Brüning
Die alte Isabella lebte am Rande eines großen Moores und sie konnte sich keinen schöneren Platz auf der ganzen Welt vorstellen. Isabella konnte auch gar nicht verstehen, dass die meisten Menschen das Moor fürchteten. Es gab sogar Menschen, die erzählten sich schauerliche Geschichten über das Moor wie diese, dass manch Übermütiger für immer hätte in dem Moor bleiben müssen weil er in die Irre geführt worden war. Isabella aber wusste es besser und sie fühlte sich hier in ihrer Hütte sicher und geborgen. Mehr noch, hier konnte sie den Wesen der Natur ganz nahe sein. Isabella kannte die Pflanzen und Tiere, sie liebte sie und sie kümmerte sich um sie so gut sie es eben konnte. Im Sommer grünte und blühte alles um sie herum und manches liebe Tier war mit der Zeit so zutraulich geworden, dass es sich von Isabella streicheln und füttern ließ. Heilkundig war Isabella. Und hatte sie nicht hin und wieder den Menschen des nahen Ortes Heilkräuter gebracht, damit sie wieder gesund werden konnten? Es erzählten sich die Menschen auch, dass die alte Isabella manches sehen konnte, was ihren eigenen Augen verborgen blieb. Wenn aber ein unschuldiges Kind sie besuchte und Isabella es an die Hand nahm, dann konnte es geschehen, dass sogar dieses Kind die Wesen sehen durfte, die sonst nur Isabella sehen konnte und die ihr so vertraut waren.
Jetzt aber war die Winterszeit hereingebrochen. Die Bäume hatten schon längst all ihr Laub fallen gelassen, es war kalt geworden und die Naturwesen hatten sich in den Schoß der Erde zurückgezogen. Isabella gewahrte wohl, wie sich die Natur um sie herum mehr und mehr zurückzog. In ihrem eigenen Inneren war sie jedoch voll froher Erwartung und sie bemerkte, wie es in ihr drinnen immer lichter und lichter wurde. Die Adventszeit nahte und mit ihr das Fest der Weihenacht – die Nacht, in der das Gotteskind auf die Erde herabgestiegen war und mit seiner Liebe die ganze Welt erleuchtet hatte.
Als Isabella in sich die lichte Liebe immer deutlicher spürte, da überkam sie ein großes Mitleid: „Wie gerne würde ich doch den Naturwesen etwas von diesem Lichte schenken.“
Auf einmal wurde die alte Isabella ganz rege. Sie zog sich warme Stiefel und den dicken Mantel an, nahm ihren Korb und machte sich auf den Weg. Ihr Ziel war der Kaufmann im nahe gelegenen Örtchen. Dort angekommen bat Isabella um ein Bündel Kerzen, die wenigen Münzen, die sie jedoch besaß reichten gerade mal für nur vier kleine Christbaumkerzen. Die vier Kerzen sorgsam verpackt und in den Korb gelegt machte sich die alte Isabella wieder auf den Heimweg.
Der nächste Sonntag war der Sonntag des ersten Advent und die alte Isabella konnte es kaum erwarten, dass es dämmrig wurde und die Nacht hereinbrach. Voller Vorfreude entzündete Isabella die erste Kerze. Sie stellte sie jedoch nicht in ihrer warmen Stube auf, nein, sie öffnete die Tür und trug die brennende Kerze hinaus, ganz vorsichtig, das Licht mit ihrer freien Hand schützend und wohl darauf bedacht, dass es nicht ausginge. Am Rande des Moores stellte sie das Lichtlein auf einen Stein und rief mit sanfter Stimme: „Ihr Wesen der Erde, ihr Zwerge, Wichtel und Gnome, dieses Licht schenke ich euch. Denn wisset, die Zeit ist nahe, da der Christus-Jesus geboren wurde, der mit seiner lichten Liebe die Welt erfüllt. Geoffenbaret sei Gott in den Höhen, Friede auf Erden und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind.“
Isabella kehrte zurück in ihre Hütte. Sie setzte sich ans Fenster, wischte mit dem Ärmel das Eis von der Scheibe und blickte hinaus in die Dunkelheit. Ruhig und sanft brannte das Lichtlein. Sein Schein konnte die Umgebung nur ein ganz klein wenig erleuchten. Plötzlich aber schien es Isabella, dass es um das Licht herum noch heller wurde und es schien ihr, als dass das Leuchten von der Erde selbst herrührte. Ganz warm wurde Isabella ums Herz. Das Leuchten hielt noch eine ganze Weile an, in der Weise aber wie die Kerze herunter brannte, verlosch auch das wunderbare Leuchten der Erde wieder.
Den zweiten Adventssonntag konnte die alte Isabella kaum erwarten. Als es dann endlich soweit war und auch die Nacht hereinbrach, da machte die Dunkelheit, dass die Luft kühler wurde. Vom wärmeren Moor aber erhoben sich feine Dunstschleier, die das Moor noch unheimlicher erscheinen ließen als sonst. Isabella konnte wohl verstehen, dass die Menschen, die so etwas zum ersten Mal sahen, sich vor dem Moor fürchteten. Isabella aber fürchtete sich nicht, sie entzündete, ganz erfüllt von freudiger Erwartung, die zweite Kerze, öffnete die Tür und trug die brennende Kerze vorsichtig an den Rand des Moores. Wohl darauf bedacht, dass sie dabei nicht erlösche. Sie stellte das Lichtlein an den Rand des Wassers und rief mit sanfter Stimme: „Ihr Wesen des Wassers, ihr Nixen, ihr Undinen, dieses Licht schenke ich euch. Denn wisset, die Zeit ist nahe, da der Christus-Jesus geboren wurde, der mit seiner lichten Liebe die Welt erfüllt. Geoffenbaret sei Gott in den Höhen, Friede auf Erden und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind.“
Isabella kehrte zurück in ihre Hütte. Sie setzte sich ans Fenster, wischte mit dem Ärmel das Eis von der Scheibe und blickte hinaus in die Dunkelheit. Ruhig und sanft brannte die Kerze und ihr Schein spiegelte sich im Wasser. Es dauerte gar nicht lange und wieder gewahrte Isabella ein Leuchten. Diesmal schien das Leuchten einerseits aus den Tiefen des Wassers zu kommen, es schien ihr aber auch, dass die Nebelschleier über dem Wasser wie von innen zu leuchten begannen. In der Weise aber wie die Kerze herunter brannte verlosch auch das wundersame Licht wieder.
Der dritte Adventssonntag nahte und die alte Isabella freute sich noch mehr als zuvor. Nachdem es dunkel geworden war entzündete sie die dritte Kerze und trug sie hinaus, ganz vorsichtig, das Licht mit ihrer freien Hand schützend und wohl darauf bedacht, dass es nicht ausginge. Am Rande des Moores stellte sie das Lichtlein hoch oben in die Baumkrone einer feinen Birke und wiederum rief sie mit sanfter Stimme: „Ihr Wesen der Luft, ihr Elfen, ihr Sylphen, dieses Licht schenke ich euch. Denn wisset, die Zeit ist nahe, da der Christus-Jesus geboren wurde, der mit seiner lichten Liebe die Welt erfüllt. Geoffenbaret sei Gott in den Höhen, Friede auf Erden und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind.“
Isabella kehrte zurück in ihre Hütte. Sie setzte sich ans Fenster, wischte mit dem Ärmel das Eis von der Scheibe und blickte hinaus in die Dunkelheit. Ruhig und sanft brannte die Kerze in den Zweigen des Baumes. Wiederum dauerte es nicht lange und Isabella schien es, dass das zarte Licht der Kerze immer größer und kräftiger werden würde. Das Leuchten breitete sie immer weiter aus, bis es schließlich das ganze Rund erhellte. In der Weise aber wie die Kerze herunter brannte verlosch auch das wundersame Licht wieder.
Den vierten Adventssonntag konnte die alte Isabella kaum noch erwarten. Jeden Tag überlegte sie, was wohl diesmal geschehen würde. Als der letzte Sonntag vor Heiligabend endlich da war entzündete Isabella ihre letzte Kerze. Sie stellte sie wieder nicht in ihrer warmen Stube auf, nein, sie öffnete die Tür und trug die brennende Kerze hinaus, ganz vorsichtig, das Licht mit ihrer freien Hand schützend und wohl darauf bedacht, dass es nicht ausginge. Diesmal trug sie das Licht sogar bis in das Moor hinein und rief mit sanfter Stimme: „Ihr Wesen des Feuers, ihr Irrlichter, ihr Salamander, dieses Licht schenke ich euch. Denn wisset, die Zeit ist nahe, da der Christus-Jesus geboren wurde, der mit seiner lichten Liebe die Welt erfüllt. Geoffenbaret sei Gott in den Höhen, Friede auf Erden und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind.“
Isabella kehrte zurück in ihre Hütte. Sie setzte sich ans Fenster, wischte mit dem Ärmel das Eis von der Scheibe und blickte hinaus in die Dunkelheit. Ruhig und sanft brannte das Lichtlein im Moor. Sein Schein konnte die Umgebung nur ein ganz klein wenig erleuchten. Plötzlich aber sah Isabella, dass irgendwo ein zweites Lichtlein aufleuchtete, dann ein drittes und dort ein viertes. Immer mehr und mehr Lichtlein leuchteten auf, so viele dass die gute Isabella sie gar nicht mehr zählen konnte. Das ganze Moor war übersät von kleinen leuchtenden Lichtlein und ihre Zahl war so übergroß wie die Zahl der Sterne, die über ihnen am Himmel leuchteten. Isabella war voller Dank erfüllt, sie war dankbar, dass sie den Wesen der Natur mit ihren kleinen Lichtern so viel Freude schenken konnte. In der Weise aber wie die Kerze herunter brannte verloschen auch die vielen kleinen Lichtlein wieder und die Dunkelheit kehrte zurück.
Die alte Isabella legte sich zur Nachtruhe nieder. In dieser Nacht konnte sie aber nicht gleich einschlafen, weil sie noch lange über das nachdachte, was sie alles hatte sehen und erleben dürfen, und sie selbst war dabei ganz erfüllt von Liebe und Dankbarkeit. Auf einmal aber überkam Isabella eine große Traurigkeit. „Morgen ist Heiligabend“, dachte sie, „wie soll ich den Wesen der vier Elemente denn jetzt noch eine Freude machen können, wo ich doch selbst keine Kerzen mehr habe? Ich habe gesehen, dass sie so dankbar waren für die Liebe, die ich ihnen entgegen brachte, und ich habe gesehen, wie sie mir ihr Licht zurück schenkten.“ Ganz unruhig wurde Isabella, sie wusste sich jedoch auch keinen Rat. Erst das Abendgebet, mit dem sie sich Gott empfahl, ließ die arme Isabella wieder zur Ruhe kommen und schließlich schlief sie dann doch noch ein.
Der nächste Tag war für Isabella erfüllt mit Weihnachtsvorbereitungen: sie putzte das Haus bis in den letzten Winkel, sie wusch sich auch selbst sauber und rein, sie zog sich ein Festgewand an – und bei alledem hatte sie beinahe vergessen, was sie in der vorherigen Nacht so traurig hatte werden lassen. Je mehr sich der Heilige Abend dann aber näherte, umso bedrückter wurde die alte Isabella. Gab es nicht doch noch eine Möglichkeit, wie sie den Elementarwesen da draußen ein Weihnachtslicht bringen könnte.
Es war spät in der Nacht, draußen war es schon ganz dunkel und Isabella saß in ihrer guten Stube vor dem Kamin. Da überkam sie plötzlich eine große Sehnsucht, die Sehnsucht nämlich noch einmal zum Fenster hinaus schauen zu können und das wunderbare Licht zu sehen. Isabella stand vom Kamin auf, setzte sich ans Fenster, wischte mit dem Ärmel das Eis von der Scheibe und gedankenversunken blickte sie hinaus in die Dunkelheit. Aus der Ferne hörte sie die Glocken der Dorfkirche. „Jetzt gehen die Menschen zur Weihnachtsmesse“ dachte sie.
Auf einmal sah sie von irgendwo her ein Licht aufleuchten. Gleich darauf wurde es wieder dunkel. Das Licht kam wieder, stärker als zuvor und es fing an, die Weite des Moores zu erhellen. Ein zweites Mal schien die Dunkelheit das Licht überwinden zu wollen, aber da kam ein dritter Lichtstrahl, noch gewaltiger, als die beiden vorherigen und er besiegte die Finsternis. Die alte Isabella traute ihren Augen nicht. Wie staunte sie aber erst, als die ganze Welt selbst wie von innen zu leuchten begann, alles, was sie die Adventssonntage zuvor im Einzelnen gesehen hatte, erblickte sie nun auf einmal. Sie sah das Leuchten der Erde, sie sah das Leuchten im Wasser und in der Luft und sie sah auch wieder die vielen kleinen Lichtlein über dem Moor. Die alte Isabella hielt es nicht mehr aus, sie wollte hinaus, sie musste raus, um dem Geschehen ganz nahe zu sein. Vorsichtig lief sie an den Rand des Moores und als sie dort stand, ganz umhüllt vom Lichte, da dachte sie: „Christus ist wahrhaft geboren und Mensch geworden“ und laut fügte sie hinzu: „Geoffenbaret sei Gott in den Höhen, Friede auf Erden und Friede den Menschen, die eines guten Willens sind.“ Zum fünften Mal hatte Isabella diese Worte nun gesprochen, und als sie verklungen waren, da spürte sie, dass sie auch selbst vom Licht der Liebe ganz durchdrungen war.
Das äußere Licht erlosch wieder. Das innere Licht aber blieb der alten Isabella erhalten, und denjenigen Menschen, die es hören wollten, erzählte sie, was sie in dieser wunderbaren Weihenacht erlebt hatte.
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